Seit rund 100 Tagen ist Kevin Dierks Geschäftsführer der Erding Gladiators GmbH. Im Interview spricht er über seinen Start in Erding, die Resonanz aus der Wirtschaft, die wirtschaftlichen Eckdaten der neuen Saison, Änderungen rund um den Spieltag und die sportliche Ausrichtung in der Oberliga Süd.
Kevin, in der Politik zieht man nach 100 Tagen im Amt ein erstes Fazit. Wie fällt deines aus?
Die ersten Monate waren intensiv und positiv. Der Club hat viel Leidenschaft, viel ehrenamtliches Engagement und eine starke Identifikation im Umfeld. Hinter einem Oberliga-Standort steckt viel Arbeit. Das betrifft den Kader, das Sponsoring, die Vermarktung und die Organisation der Spieltage. Mein Anspruch war von Anfang an, zuzuhören, Kontakte aufzubauen und mit dem Team Strukturen weiterzuentwickeln. Wir haben viele Gespräche geführt, neue Partner gewonnen und bestehende Verbindungen intensiviert. Wir haben an Themen gearbeitet, die nicht sofort sichtbar sind. Das Fundament ist nun da. Wir stehen am Anfang eines längeren Weges.
Hast du dir deinen Einstieg in Erding so vorgestellt? Was hast du vorgefunden?
Ich bin mit großen Erwartungen nach Erding gekommen. Vieles davon hat sich bestätigt, ich wurde sehr gut aufgenommen und habe mich schnell eingelebt. Der Standort hat eine sehr gute Arena und eine große emotionale Bindung der Menschen zum Club. Viele engagierte Personen arbeiten seit Jahren mit Herzblut für die Gladiators und den Nachwuchs. Die Oberliga verlangt weitere Professionalisierung. Prozesse, Zuständigkeiten und Vermarktungsstrukturen müssen mit dem sportlichen Anspruch mitwachsen. Darin liegt eine große Chance.
Wie viele Stunden bist du aktuell täglich für die Gladiators tätig?
Eine feste Stundenzahl gibt es kaum. In der Phase vor der Saison ist man praktisch durchgehend mit den Gladiators beschäftigt und auch der Start ins neue Umfeld war natürlich umfangreich. Die Aufgaben reichen von Sponsorengesprächen und organisatorischen Themen über Personalplanung, Kommunikation und Marketing bis zur Spieltagsvorbereitung. Dazu kommt der tägliche Austausch mit Trainer, Spielern, Partnern und Ehrenamtlichen. Das ist intensiv. Genau diese Aufbauarbeit macht die Aufgabe aber auch spannend.
Wie hoch ist der Etat in der Oberliga und wie setzt er sich zusammen?
Der Etat liegt bei rund 1,3 Millionen Euro und damit auf dem Niveau der vergangenen Saison. Mehr als die Hälfte davon sind Personalkosten. Die wichtigste Einnahmequelle ist Sponsoring. Dazu kommen Ticketing – hier haben wir rund 400 Dauerkarten verkauft und sind damit knapp über dem Niveau der vergangenen Saison – Merchandising und Sprade TV. Einige Partner haben ihr Engagement wegen der wirtschaftlichen Lage in Deutschland reduziert. Wir haben aber zahlreiche neue Sponsoren gewonnen. Viele Unternehmen aus Erding und der Region sehen, dass bei den Gladiators etwas entsteht und dass wir mit klaren Ideen arbeiten. Es geht dabei um mehr als klassische Werbeflächen. Wir wollen Partnerschaften entwickeln, die für beide Seiten funktionieren, mit Sichtbarkeit, Netzwerken, hochwertigen Spieltagen und konkreten Aktivierungsmöglichkeiten. Das Interesse zeigt, dass Eishockey in Erding eine starke Plattform ist. Unsere Partner erreichen Familien, Fans, regionale Entscheiderinnen und Entscheider und ein sportaffines Publikum. Die Oberliga Süd schafft eine Präsenz weit über den Landkreis hinaus. Man muss aber auch klar sagen, dass die gewonnenen Sponsoringgelder den Spieleretat nicht signifikant erhöhen. Sie tragen vielmehr dazu bei, die in allen Bereichen gestiegenen externen Kosten besser decken zu können, die in dieser Liga einfach unvermeidbar sind. Zudem wurde im Vergleich zur vergangenen Saison neben meiner hauptamtlichen Position zusätzlich in personelle Strukturen investiert, etwa durch die Besetzung einer Stelle als sportlicher Leiter und einer Stelle im Marketing. Natürlich kann ein höherer Spieleretat den sportlichen Erfolg fördern. Für die langfristige Entwicklung des Vereins ist es jedoch sinnvoll, auch in Strukturen, Personal und die organisatorische Basis zu investieren. Davon kann der Verein über eine einzelne Saison hinaus profitieren und arbeitet auch bei der Auswahl der Spieler professioneller.
Die Infrastruktur der Gladiators ist für die Oberliga gut. Welches Potenzial siehst du noch?
Die Stadtwerke Erding Arena hat sehr gute Voraussetzungen und ist für die Oberliga eine starke Basis. Potenzial sehe ich beim Zuschauer- und Hospitality-Erlebnis, bei der Vermarktung digitaler und physischer Werbeflächen, bei der Sound-Akustik und bei zusätzlichen Angeboten für Familien und Unternehmen. Konkret verlegen wir die Pressekonferenz in das Studio und übertragen sie von dort in die KBS-Lounge und in die Arena. Zudem werden wir die LED-Werbeflächen synchronisieren und dadurch die Sichtbarkeit unserer Sponsoren erhöhen. Für unsere VIP-Gäste erhöhen wir die Annehmlichkeiten. Dazu gehört ein neues Catering. Parallel arbeiten wir am Relaunch der Homepage.
Wie bewertest du die aktuelle Kaderplanung?
Ich bin mit der Kaderplanung sehr zufrieden. Wir haben eine Mannschaft zusammengestellt, die individuelle Qualität hat und charakterlich zusammenpasst, dieser Eindruck hat sich auch beim letzten Wochenende in Zell am See bestätigt. In der Oberliga braucht es spielerische Klasse. Genauso wichtig sind Mentalität, Fitness, Disziplin und die Bereitschaft, jeden Abend für den Nebenmann zu arbeiten. Uns war wichtig, Erfahrung und junge, entwicklungsfähige Spieler zu verbinden. Wir müssen wirtschaftlich verantwortungsvoll handeln. Wir werden keine Entscheidungen treffen, die kurzfristig gut klingen und den Club langfristig belasten. Der Kader soll konkurrenzfähig sein und zu unserem Weg passen. Dafür wird Thomas Daffner als sportlicher Leiter weiterhin sorgen.
Ist der Kader nun komplett oder tut sich noch etwas?
Im Eishockey ist ein Kader nie zu 100 Prozent abgeschlossen. Wir beobachten den Markt weiter und bleiben handlungsfähig, falls sich eine sportlich und wirtschaftlich sinnvolle Möglichkeit ergibt. Entscheidend ist die richtige Mischung: Qualität, Charakter, Teamfähigkeit und eine klare Rollenverteilung. Der Fokus liegt darauf, dass die Mannschaft unter John Sicinski zusammenwächst und die Abläufe verinnerlicht. Die Vorbereitung ist dafür besonders wichtig. Sollte sich etwas ergeben, das uns klar weiterbringt, werden wir es sorgfältig prüfen. Wir werden aber keinen Schnellschuss machen.
Wie bewertest du die Situation rund um Cheyne Matheson?
Wir hätten Cheyne, wie immer offen kommuniziert, sehr gerne mit deutschem Pass in unserem Kader gesehen. Das hätte gepasst. Nachdem sich diese Option leider zerschlagen hat, mussten wir die Situation neu bewerten. Christian Fragner hat sich mit großem Engagement dafür eingesetzt, die bestmögliche Lösung für Cheyne zu finden. Wir denken, dass uns das gelungen ist. Unser Ziel war, fair und respektvoll mit der Situation umzugehen und eine Lösung zu finden, die Cheynes sportlicher Zukunft gerecht wird.
Wie schätzt du die Konkurrenz in der Oberliga Süd ein?
Die Oberliga Süd ist sportlich sehr anspruchsvoll. Man darf nicht vergessen, wo wir herkommen. Nach uns ist Stuttgart der jüngste Aufsteiger in die Oberliga Süd und die Rebels sind bereits 2023 aufgestiegen. Trotzdem warten sie bis heute auf ihren ersten Pre-Playoff-Einzug. Das zeigt, wie groß der Schritt in diese Liga ist und dass man Entwicklung nicht überspringen kann. Es gibt etablierte Standorte mit Tradition, professionellen Strukturen und teilweise deutlich höheren wirtschaftlichen Möglichkeiten. Jeder Gegner kann Spiele gewinnen. Für uns heißt das: Wir müssen in jedem Bereich konsequent arbeiten. Der Etat entscheidet nicht allein über eine Saison. Teamchemie, Trainerarbeit, Fitness, Disziplin, Umfeld, Fanunterstützung und wirtschaftliche Stabilität sind genauso wichtig. Unser Ziel ist, mutig aufzutreten und uns Schritt für Schritt den Erfolg zu erarbeiten.
Welche konkrete sportliche Zielsetzung verfolgen die Gladiators?
Unser klares sportliches Ziel ist, sich in der Oberliga zu etablieren und mindestens die Pre-Playoffs zu erreichen. Wir wollen uns als unangenehmer, leidenschaftlicher und gut organisierter Gegner präsentieren, insbesondere in unserer Arena. Dafür müssen wir vom ersten Spieltag an bereit sein. Die Oberliga Süd ist ausgeglichen und anspruchsvoll. Jedes Detail zählt: Vorbereitung, Trainingsqualität, Teamchemie, Konstanz und die Unterstützung unserer Fans.
Wie bewertest du den TSV-Nachwuchs und die Chance einer engeren Verknüpfung?
Der Nachwuchs des TSV Erding ist für den gesamten Standort unverzichtbar. Ohne starke Nachwuchsarbeit gibt es keine nachhaltige Zukunft im Eishockey. Die Young Gladiators leisten hier wertvolle Arbeit. Sie vermitteln Kindern und Jugendlichen sportliche Entwicklung, Gemeinschaft und Werte wie Teamgeist und Verantwortung. Eine engere Verknüpfung bietet große Chancen. Wir wollen jungen Spielerinnen und Spielern Vorbilder geben, Wege in die erste Mannschaft sichtbar machen und den Austausch zwischen Nachwuchs und Oberliga-Team weiter stärken. Es trainieren regelmäßig Spieler aus der U20 bei der ersten Mannschaft mit.
Ein Beispiel für die wirtschaftliche Verknüpfung sind die Kioske in der Arena. Alle Einnahmen aus den Kiosken bleiben beim Nachwuchs. Je mehr an den Spieltagen konsumiert wird, desto größer sind die finanziellen Möglichkeiten des TSV für die Nachwuchsarbeit. Wenn Kinder in Erding ins Training gehen und gleichzeitig sehen, dass ein Erdinger Eigengewächs wie Josh Samanski den Sprung bis in die NHL schaffen kann, ist das eine starke Motivation.
Wie siehst du allgemein die Zukunft der Oberliga? Die Schere zwischen „Arm“ und „Reich“ scheint immer größer zu werden.
Die wirtschaftlichen Unterschiede sind eine Realität. Einige Standorte haben größere Budgets, mehr hauptamtliche Strukturen oder andere Einnahmemöglichkeiten. Die Kosten für Personal, Reisen, Infrastruktur und Spielbetrieb steigen. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit muss deshalb bei jedem Verein Vorrang vor kurzfristigem sportlichem Erfolg haben. Die Oberliga braucht weiterhin eine klare gemeinsame Strategie: verlässliche Rahmenbedingungen, eine realistische Kostenstruktur, gute Vermarktung und ein stärkeres Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften. Clubs wie wir müssen ihre regionalen Stärken nutzen, gute Partnerarbeit leisten und sportliche Ambition mit kaufmännischer Vernunft verbinden.
Welche Ziele verfolgst du kurz- und langfristig?
Kurzfristig wollen wir uns als professioneller, attraktiver und wirtschaftlich stabiler Oberliga-Standort etablieren. Dazu gehören eine wettbewerbsfähige Mannschaft, verlässliche Partnerschaften, volle und stimmungsvolle Ränge und ein Spieltag, der sportlich und organisatorisch überzeugt. Langfristig wollen wir den Club so entwickeln, dass die Gladiators für Spieler, Sponsoren, Fans und Nachwuchstalente eine feste und attraktive Adresse sind. Das heißt: nachhaltiges Wachstum statt kurzfristiger Abenteuer. Wir wollen Strukturen schaffen, die auch dann tragen, wenn sportlich einmal nicht alles perfekt läuft. Der Club darf nicht abhängig sein vom sportlichen Erfolg.
Welchen Wunsch hast du an die Fans?
Mein Wunsch ist, dass unsere Fans den gemeinsamen Weg weiterhin leidenschaftlich begleiten. Die Unterstützung in der Arena ist ein echter Faktor für die Mannschaft, für die Wahrnehmung des Clubs und für unsere Partner. Mit einer nahezu komplett neuen Mannschaft wird es Höhen und schwierigere Phasen geben. Umso wichtiger ist, zusammenzustehen und die Mannschaft als Teil einer großen Gladiators-Familie zu unterstützen. Wir möchten den Fans im Gegenzug ehrliches Eishockey, einen professionellen Rahmen und viele emotionale Momente bieten. Jede Stimme auf der Tribüne und jedes verkaufte Ticket hilft uns, den Standort weiter voranzubringen.